04.02.2010 Vernetzung ist das Gebot der Stunde




Marsberg. Rund 45 Ärzte, Mitarbeiter des Krankenhauses und der Kliniken sowie andere Interessierte hatten den Weg ins Bürgerhaus gefunden, um den Vortrag über „Chancen und Herausforderungen der Marsberger Gesundheitsstiftung“ von Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach zu hören. Der Referent ist Universitätsprofessor an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität in Frankfurt am Main, seit 2007 Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und gebürtiger Marsberger. Eingeladen hatte die Marsberger Gesundheitsstiftung, die im vergangenen Jahr gegründet worden und am 5. Januar vom Regierungspräsident gemäß §80 BGB anerkannt worden ist. Bereits einen Tag später fand der Vortrag statt. Seit Jahren ist es in Marsberg ein Thema, dass das Durchschnittsalter der niedergelassenen Hausärzte hoch ist und Nachfolger sehr schwer zu finden sind. Weil dies nicht nur in Marsberg, sondern überall auf dem Land ein Problem ist, hat sich der oben genannte Sachverständigenrat ausführlich damit beschäftigt und ein Zukunftskonzept erstellt. Einen Teil davon stellte Prof. Gerlach in seinem Vortrag zunächst vor. Eine große Herausforderung für das Gesundheitswesen ist der demographische Wandel. Insgesamt wird die Bevölkerung immer älter, kamen im Jahr 2005 in Nordrhein-Westfalen auf 100 Menschen unter 65 nur 32 über 65, wird das im Jahr 2050 voraussichtlich ganz anders aussehen. Dann werden auf 100 Menschen über 65 wahrscheinlich rund 60 über 65 kommen. Noch dramatischer sieht Prof. Gerlach die Situation in Marsberg, hier könnten dann 100 Menschen über 65 auf 100 Menschen unter 65 treffen. Immer mehr Menschen werden pflegebedürftig sein. Bemerkenswert ist in Deutschland außerdem die große Zahl der Arzt-Patient-Kontakte. Rund 92 Prozent der Bevölkerung gehen innerhalb eines Jahres zum Arzt. Im Durchschnitt sind es rund 18 Arztkontakte pro Jahr und Einwohner. Trotz der Einführung der Praxisgebühr ist diese Zahl in den letzten vier Jahren sogar noch um sieben Prozent gestiegen. So haben die Hausärzte bei einer durchschnittlichen Zahl von 243 Patientenkontakten pro Woche nur rund sieben Minuten Zeit für den einzelnen Patienten. Die deutschen Ärzte haben damit die kürzesten Kontaktzeiten, aber auch die längsten Arbeitszeiten der Ärzte im europäischen Vergleich. Dies sind Beispiele, die mit weiteren Faktoren zusammen zum Problem der Nachwuchssicherung bei den Hausärzten führen. Das ist auch das Hauptproblem in Marsberg, mit dem sich Prof. Gerlach anschließend auseinandersetzte. Zurzeit gibt es in Marsberg neun Hausarztpraxen mit insgesamt 16 Ärzten, die ein Durchschnittsalter von 61,5 Jahren haben. Zusätzlich gibt es neun Zahnärzte, fünf Apotheken, das Krankenhaus und die LWL-Kliniken.Ergänzt werde das Angebot durch Alten- und Pflegeheime sowie viele Physio- und Ergotherapeuten sowie Psychologen. Dieses insgesamt sehr gute Angebot gelte es zu erhalten. Zunächst stellte er Konzepte anderer Kommunen vor, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Er schlug vor, Kontakte zu den Initiatoren herzustellen und regte an, eine demnächst stattfindende Messe zum Thema zu besuchen. Ganz wichtig sei es zudem, weiter mit den bereits von der Stadt angeschriebenen Medizinstudenten, die einen Bezug zu Marsberg haben, in Kontakt zu bleiben und ihnen attraktive Angebote zu machen. Jemand der vom Land käme, gehe eher dorthin zurück, als dass jemand aufs Land ziehe, der schon immer in einer großen Stadt gelebt habe. Für solche Menschen müssten dann die Standortfaktoren stimmen. Die Kinderbetreuung müsse gut sein, der Wiedereinstieg nach der Familienphase müsse erleichtert werden. Prof. Gerlach könnte sich zum Beispiel auch gut vorstellen, dass Ärzte in Paderborn wohnen und in Marsberg arbeiten könnten. Zur Unterstützung könnte ein Fahrdienst für die Kinder der berufstätigen Mütter, aber auch für Patienten, die aus den Ortsteilen ohne Hausarzt kommen, eingerichtet werden. Zur Entlastung der Hausärzte sei auch wichtig, dass andere Berufsgruppen wie medizinische Fachkräfte und Pflegepersonal sowohl in der Praxis als auch bei Hausbesuchen umfassend eingesetzt würden. Als Fazit über allem stehe: „Vernetzung ist das Gebot der Stunde“. Nur gemeinsam könne man vorhandene Strukturen erhalten und verbessern. Prof. Gerlach hält deswegen die Gründung der Gesundheitsstiftung für den richtigen Schritt. Text/Fotos: Mander